Dreilandecho

Klatsch, Tratsch und Kulinarisches aus dem Dreiländereck zwischen Müllheim, Lörrach, Schopfheim, Zell, Todtnau und Feldberg

Bürstenmacher im Fokus

Bürstenmacher im Fokus

Todtnau eröffnet das neue Bürstenmuseum

Bürstenmacherlegende Friedrich Busse in Aktion

Todtnau (hjh). Karl-Ludwig Nessler, der Erfinder der Dauerwelle, hat Gesellschaft bekommen. Er ist umgezogen ins Obergeschoss des Kulturhauses und thront dort quasi über einem weiteren spannenden Kapitel aus der industriellen Erfolgsgeschichte der Stadt: Exponate zur Geschichte der Bürstenbinderei oder besser die sehr umfangreiche Dokumentation über 250 Jahre Bürstenhandwerk, dessen Geschichte Leodegar Thoma mit der Einführung der Arbeitsteilung 1770 zu schreiben begann. Am Samstag wurde das neu gestaltete Bürstenmuseum in – coronabedingt mehreren – Etappen eröffnet. Wie die Nessler-Ausstellung steht die in Handwerk und maschinelle Fertigung zweigeteilte Bürstenpracht zusammen ab sofort der Öffentlichkeit vorerst mal bis Dreikönig Mittwoch und Sonntag von 14 bis 17 Uhr bei freiem Eintritt zur Verfügung. „Aber“, so Kulturhaus-Ressortleiter Dr. Ralf Andreas Thoma in seiner Begrüßungsrede, „das sollte niemand daran hindern, einen Beitrag in die bereit gestellten Körbchen zu geben. Denn das Museum, das Kulturhaus, der Betreiberverein brauchen Geld.“ Auch wenn dort vor allem sehr viel ehrenamtliche Arbeit geleistet wird, gelte für Besucher die Regel: „Het’s dir g’falle, dann zahl, was de magsch!“

„Es hat ein paar Jahre gedauert, bis die Idee zu diesem Museum Realität geworden ist“, sagte Thoma, bevor sich die Türen öffneten. Alle Beteiligten hätten einen langen Atem bewiesen. „Viele, viele Stunden Arbeit“ hätten seine Mitstreiter in die Einrichtung des Museums investiert und ihr „historisches Wissen“ mit ihm, Ralf Thoma, geteilt. Es sei „ihr“ Museum, betonte er. Es fehle noch an Kleinigkeiten und auch an einer „moderneren Maschine“, die von der Firma Zahoransky zur Verfügung gestellt werde. Und es werde natürlich immer wieder Veränderungen bei den Exponaten geben, die teils Leihgaben, zum großen Teil aber Eigentum des Museums sind und bleiben werden. Kurz: „Es gibt immer wieder ausreichend Gründe, auch nach der Eröffnung hie und da bei uns vorbeizuschauen“, warb Ralf Thoma um nicht nachlassendes Interesse der Museumsfreunde, die er schließlich auch mit der Erinnerung daran „impfte“, dass „unsere Heimat, der Schwarzwald“, voll sei mit Geschichten findiger Schwarzwälder und dass wohl allein die Erzählungen rund um den Silberbergbau Museen füllen könnten. Er denke u.a. an die ersten Skifahrer, an den aufkommenden Tourismus und an die vielen Geschichten, die Großeltern aus früheren Zeiten zu erzählen wüssten. Er denke aber auch an die ganz besondere Geschichte von Karl Ludwig Nessler, dem das Kulturhaus seit Jahren eine äußerst spannende Ausstellung gewidmet habe. Deshalb freue er sich sehr, auch dieses neu gestaltete Museum heute hier eröffnen zu können, versicherte der Ressortleiter. Trotzdem stehe nun natürlich die Geschichte der Bürstenindustrie im Fokus. Natürlich könnten die alten Bürstenbinder und Händler solche Geschichten erzählen. Und weil diese Erzählungen noch so frisch in den Erinnerungen haften, könne man sich durchaus die Frage stellen, wozu es eines solchen Museums bedarf. Die Antwort darauf liege auf der Hand: „Ohne die mutigen Bürstenmacher von damals wären wir alle nicht da, wo wir heute sind.“ Ein Museum habe unter anderem die Aufgabe, Geschichte lebendig zu machen und uns daran zu erinnern, wer wir sind und wo wir herkommen. Da könne es sich durchaus auch mal der Hilfe eines Mannes bedienen, der von langen und kalten Winternächten erzählen kann. Den, so Thoma, habe man gefunden: Lorenz Wunderle, der erste Schwarzwälder Bürstenhändler.

Die älteste Bürste aus dem Jahr 1760

Ein Schauspieler schlüpfte in dessen Rolle und begann zu beschrieben, was die Besucher im Museum erwartet: „Im ersten Raum sehen Sie Exponate aus der Geschichte von 1770 bis 1902, die sich mit der Bürstenmanufaktur befasst.“ Zu dieser zeit seien die Todtnauer noch in ihren kleinen Stuben gesessen, haben Bürstenhälse gefertigt, Borsten eingezogen und ihre Erzeugnisse dann von Bürstenhändlern in die weite Welt hinaus tragen lassen. Beide Stuben, die Einziehstube und die Hölzlemacherei, zeigen das eindrucksvoll. Zu sehen sind dort die verwendeten Hölzer und Borsten. In den Vitrinen seien ein paar ganz besonders schöne Stücke, u.a. wundervolle, handeingezogene Silberbürsten, darunter die Bürsten der Luise von Baden oder die allererste Bürste aus dem Jahr 1760 zu bewundern.

Der zweite Bereich der Ausstellung sei der Zeit nach 1902 bis heute gewidmet. 1902 habe Anton Zahoransky seine Firma gegründet und damit die Industrialisierung in der Stadt eingeleitet. Deshalb seien dort auch Maschinen und Werkzeuge der Todtnauer Maschinenfabriken zu finden, sagte „Lorenz Wunderle“. Wie die Maschinen funktionieren, werde den Gästen von Mitarbeitern des Museums erklärt. Und auch bekannt gemacht mit der „Ahnengalerie“ mit Bildern aus den Familien der Todtnauer Bürstenhersteller. Und selbstredend Bilder von heute noch international tätiger Todtnauer Unternehmen und deren Produkten. Dann gab der Bürstenhändler den Weg frei: „Nun raus aus der Kälte und rein in die warme Stube: Viel Spaß in unserem Bürstenmuseum.“ Und den hatten die Gäste dann auch u.a. bei Vorführungen wie der von Friedrich Busse, dem Oldie, der seit 65 Jahren Bürstenmacher ist, mit seinem Tisch schon in Amerika Werbung für die Todtnauer machte und seit 25 Jahren ehrenamtliche Museumsarbeit leistet.