Dreilandecho

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Amtsgericht Schopfheim: Gefährliche Körperverletzung

Amtsgericht Schopfheim: Gefährliche Körperverletzung

Schopfheim (hjh). „Es tut mir leid. Ich werde mich ehrlich bemühen, dass es mit meinem Leben wieder nach oben geht“, warb der 43jährige Angeklagte am Ende einer fast zweistündigen Verhandlung unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Stefan Götz um ein außergewöhnlichen Umständen angepasstes Urteil. „Gefährliche Körperverletzung“ wurde ihm von der Staatsanwältin vorgeworfen, weil er im Laufe eines mehr und mehr eskalierenden Zanks übers „Fremdgehen“ zuerst die Tür seiner damaligen Wohnung n Maulburg eintrat, dann mit wilden Bewegungen seiner Arme einen Schrank und den Tisch „abräumte“ und schließlich seine Verlobte zuerst mit Schimpfworten beleidigte und dann ein noch auf dem Tisch übrig gebliebenes „kleines“ Trinkglas nach seiner Verlobten warf, die dadurch an Brust und Unterschenkel verletzt wurde. Für die Staatsanwaltschaft war damit der Tatbestand einer gefährlichen Körperverletzung erfüllt, auch wenn sich im Verlauf der Verhandlung vor allem nach den Aussagen der Verlobten und eines weiteren zufällig im Raum anwesenden Mannes mit großen Gedächtnislücken nicht zweifelsfrei nachweisen ließ, ob der Angeklagte den Treffer absichtlich oder versehentlich landete. Wie auch immer: seine Verlobte hatte die Polizei gerufen, weil sie sich „allein nicht mehr zu helfen wusste.“ Es schien ihr später Leid zu tun. Aber das Kind war da bereits in den Brunnen gefallen. Die Beamten machten die Verletzungen aktenkundig und einen Alkoholgehalt von über 1.2 Promille.

Am Donnerstag stand der Sünder nun vor Gericht. Irgendwie scheint er sich auf der Anklagebank fast schon heimisch zu fühlen. Den Eindruck jedenfalls musste man bekommen, als Stefan Götz die lange Liste von 34 Straftaten (von 1991 bis Oktober 2020, zwei weitere seien momentan aktenkundig) derzeit darunter eine „schwere räuberische Erpressung“, ein „schwerer Raub mit Körperverletzung“ (dafür gabs eine vierjährige Haftstrafe in Freiburg) sowie ein „versuchter Mord“, der den jungen Mann in Stuttgart für weitere fünf Jahre hinter Gitter brachte. Dazwischen und danach häuften sich Diebstähle, Körperverletzungen, Drogendelikte und Schwarzfahrten mit der S-Bahn im Wiesental. Oder sie füllten Lücken, die eigentlich den zahlreichen Anläufen zu verschiedenen Entzugsmaßnahmen oder Langzeittherapien vorbehalten waren, die samt und sonders nicht genutzt oder immer wieder abgebrochen wurden.

Das Problem des Angeklagten und seiner Verlobten hieß oder heißt „Alkohol“. Damals – also zur Tatzeit – hat das Paar nach eigenem Bekunden „täglich zwei bis drei Flaschen Wodka getrunken.“ Da sind die eineinhalb Flaschen, die heute im Schnitt fällig sein sollen, nach Meinung der Verlobten schon ein deutlicher Schritt in Richtung Besserung, was der Amtsrichter allerdings nicht so ganz zu glauben  vermochte. Und auch der Verteidiger stellte fest: „Der Lebenslauf meines Mandanten zeigt einen eben nicht ganz gradlinigen Verlauf.“ Wie auch immer. An den „strittigen“ Abend in Maulburg konnten sich weder die Geschädigte noch ihr Verlobter erinnern. Er hatte wegen des Alkohols einen kompletten Filmriss („Ich habe getrunken, etwas gekifft und plötzlich war die Polizei da. Mehr weiß ich nicht“). Und sie fand, dass die Tatzeit schon so lange zurückliegt, dass da ihr Erinnerungsvermöge möglicherweise Streiche spielen könnte.“ Nachdem die beiden dieses Schicksal mit dem männlichen Zeugen („Ich war geschockt, bekam Angst und verdrückte mich in eine Ecke. Ich habe gesehen, dass das Glas vom Tischgefegt wurde und in eine Richtung flog, in der zufällig auch die Geschädigte stand. Außerdem: Mich ging der Beziehungsstreit ja auch wirklich nichts an“) teilten, blieb weiter im Dunkeln, ob der Wurf des Glases nun mit Absicht erfolgte oder nicht. Stefan Götz stellte lediglich fest, dass das Glas mit Wucht geschlagen wurde und gut getroffen hat.“

Die Staatsanwaltshaft forderte als Sühne für die schwere Körperverletzung sechs Monate und fürs Schwarzfahren einschließlich Hausfriedensbruch (der Angeklagte hatte in den Zügen der SBB ein Jahr lang Hausverbot wegen wiederholter Schwarzfahrerei) weitere zwei Wochen Haft, die allein schon wegen des Vorstrafenregisters nicht zur Bewährung ausgesetzt werden dürften. Die Verteidigung ging von fahrlässiger Körperverletzung aus, weil die Verletzung nicht beabsichtigt war oder nicht absichtlich in Kauf genommen worden ist, weil es am entsprechenden Vorsatz fehlte und weil die wahren Schuldigen „ein falsches Umfeld, Alkohol und Drogen“ seien, die der Angeklagte nun mit einer weiteren aktuell anstehenden Therapie auf Reichenau ernsthaft zu bekämpfen beabsichtigt. Und das Urteil? Stefan Götz verhängte für die schwere Körperverletzung eine Haftstrafe von vier, fürs Schwarzfahren eine von zwei Monaten. „Und weil“, wie er sagte, „im Juristendeutsch vier plus zwei nicht sechs, sondern fünf ist, kam eine fünfmonatige Haftstrafe heraus, der nicht zur Bewährung ausgesetzt wurde. „Ich gehe nämlich davon aus, dass man in den Haftanstalten Waldshut oder Lörrach nicht so leicht an Drogen herankommt wie etwa in Freiburg. Deshalb glaube ich, dass dem Angeklagten ein Aufenthalt in einer dieser beiden Einrichtungen nur gut tun kann.“