Dreilandecho

Klatsch, Tratsch und Kulinarisches aus dem Dreiländereck zwischen Müllheim, Lörrach, Schopfheim, Zell, Todtnau und Feldberg

Ärmel hoch für Herden-Immunität

Ärmel hoch für Herden-Immunität

Zell (hjh). Jetzt heißt’s „Dranbleiben“. Auch in Zell, wo die Stadtverwaltung in Kooperation mit dem Lörracher Impfzentrum am Freitag vor „Schmidt’s Markt“ in de Teichstraße „alle Bürgerinnen und Bürger und speziell die, die keinen Hausarzt haben“ zum „Pop-Up-Impfen“ einlud. Es sei wichtig, noch vor den Sommerferien geimpft zu werden, um im Herbst geschützt zu sein, begründet die Verwaltung diesen ungewöhnlichen Schritt, den Impfwillige ohne vorherige Anmeldung tun konnten. Für alle Altersgruppen standen die Impfstoffe von „AstraZeneca“, Johnson & Johnson“ oder „Moderna“ zur Auswahl, für Kinder und Jugendliche ab 12 bis 17 Jahre war Stoff von „BioNTech“ verfügbar, der dieser jungen nach Beratung durch einen Kinder- und Jugendarzt in den Oberarm gespritzt wurde. Selbst an Dolmetscher wurde gedacht. Ausreden waren damit von vornherein fast völlig ausgeschlossen. Aber die brauchte es an diesem sonnigen Tag eben sowenig wie Manfred Bockeis Marsch durch die Stadt, der mit dem Caritas-Megaphon die Werbetrommel rühren wollte, um eine „Pleite“ wie vor zwei Tagen beim Lörracher Elisabethenhaus, wo so gut wie niemand kam, zu vermeiden. Er wurde zumindest zunächst einmal ausgebremst von den beiden Ärzten des Impfzentrums Harald Dörr und Dirk Gräter. Die beiden waren „total überrascht“ von der Resonanz der Impfaktion, die lange Schlangen so eindrucksvoll vor der Anmeldung belegten, dass sie „Werbung für eher kontraproduktiv“ hielten. Das Team des Impfzentrums musste sich bittere Klagen der Menschen anhören, die teilweise eine bis eineinhalb Stunden in praller Sonne nicht zuletzt deshalb ausharren mussten, weil „das Mobilfunknetz extrem langsame Bandbreiten“ zur Verfügung stellte und die Leitung des Edeka-Marktes nicht zu haben war. Auffallend war, dass sehr viele Kinder und Jugendliche auf ihren Piks warteten. Es stellte sich schnell heraus, warum: „Bei den Kindeärzten gibt es Wartelisten bis weit in den Oktober hinein“, sagte eine Mutter, die ihre beiden Mädels nach Zell begleitet hatte und der die spontane Aktion in der Schwanenstadt wie gerufen kam. So gerufen wie vielen anderen, die da warteten und auf eine schnellere Abwicklung der Regularien hofften, die das Impfzentrum nach einer Stunde mit zwei eilends herbeigekarrten zusätzlichen Computern erreichen wollte. Fand es das Team um die leitenden Doktoren denn „normal, was sich da um sie herum abspielte?“ Eigentlich schon. „Normal ist nur nicht, dass ich hier stehe und bald einen Sonnenstich kriege“, flachste Harald Dörr, um dann das weitere Staunen dem Zeller Bürgermeister zu überlassen.

Der war nämlich total „geflasht“ vom riesigen Andrang. „Ja, das ist Zell. Wenn wir mal aufwachen, wachen wir richtig auf“, sagte Peter Palme, dem ein zwölfjähriger Junge, ein „Räuber-Enkel“, auf Nachfrage den Grund für seine Impfbereitschaft nannte: „Auch ich will Verantwortung übernehmen.“ Davon war selbst der erfahrene Burgi „einfach geplättet.“  Unterm strich war Palme „positiv überrascht“, fand aber keine Erklärung für den unerwarteten Andrang, der dazu führte, dass das Impfzentrum Impfstoffe nachliefern lassen musste.  Mit 20 bis 30 Personen habe er gerechnet, aber nicht mit 60 oder 70 Leuten, die sich gleich zu Beginn in die Warteschlange stellten. „Für mich ist das jetzt schon ein Riesenerfolg, obwohl wir erst am Anfang eines sicherlich überaus erfolgreichen Nachmittags stehen“, sagte Peter Palme, „verwundert über die vielen Jugendlichen“, aber auch über jede Menge älterer Mitbürger, „die wohl ganz dringend geimpft werden müssen, die wir aber anders sicherlich auch nicht so großer Zahl erwischt hätten.“ Es seien wohl Leute dabei, die gar keinen Hausarzt haben oder die Angst vor dem großen Kundendienst haben, der beim Impfen in der Praxis eventuell fällig geworden wäre. Geradezu „sensationell“ sei, dass das Angebot auf dem Supermarkt-Parkplatz im Vergleich zu anderen Städten oder Gemeinden so gut angenommen wurde. „Das ist eine ganz tolle Geschichte. Ich werde mir jetzt die Zahlen kommen lassen und bin mir ziemlich sicher, dass wir das nochmals wiederholen müssen“, versicherte Peter Palme und verwies auf „die steigenden Inzidenzen, die – wenn es so weitergeht – weitere Einschränkungen wieder notwendig machen. Um die Freiheiten, die wir jetzt gerade haben, beibehalten zu können, ist es sicherlich einfacher, wenn man geimpft ist.“

Und einfacher als am Freitag in Zell geht’s nun wirklich nicht mehr, sieht man einmal von der Sonne und dem langsamen Internet ab, das viele Impfwillige auf die Palme brachte, obwohl sie sich zwischendurch über eine lauwarme Dusche „von oben“ freuen konnten. Die Voraussetzungen dafür, den Ärmel hochkrempeln zu dürfen und sich piksen zu lassen, waren jedenfalls denkbar einfach. Es genügten Personalausweis und Versichertenkarte. Und Klamotten, die es ohne große Umstände erlaubten, den Oberarm freizulegen. Wer den Anamnese-Bogen bereits ausgefüllt mitgebracht hatte, durfte Platz nehmen. Andere mussten den Aufklärungsbogen unter Mithilfe des Personals vom Impfzentrum ausfüllen. Für Harald Dörr, einen der beiden Ärzte, stand nach diesem Erfolg fest. „Alles hier war gut vorbereitet, die Aktion wurde von der Stadt hervorragend beworben. Und wenn es nach uns geht, stehen wir für eine weiter mobile Impfung gerne zur Verfügung.“