Offene Türchen im Advent

Schopfheim (hjh). „Noch 23 mal schlafen, dann kommt das Christkindle!“ Vor noch nicht allzu vielen Jahren begann für Kinder und Eltern am 1. Dezember eine andere als die gewohnte Zeitrechnung. Die „endlos scheinenden Tage bis zum Tag, an dem die Christen die Geburt Christi feiern“, wurden automatisch dort kürzer, wo Tag für Tag Türchen an wunderschönen Adventskalendern geöffnet werden durften, von denen niemand wusste, ob sich dahinter u.a. ein Stückchen Schokolade, ein Spielzeugfigürchen, ein schlauer Spruch oder ein kleines Bild als Beitrag zur Weihnachtsgeschichte verbarg. Der Adventskalender diente in erster Linie als Zählhilfe, neben einem durchaus auch religiösen Aspekt als erzieherische Maßnahme, die (nicht nur) Kindern half, sich in Geduld und Selbstbeherrschung zu üben. 

So jedenfalls beschreibt Ulla K. Schmid Sinn und Zweck der über 100 Kalender-Variationen, die sie im Lauf der Jahre gesammelt, in ihrem Haus in Kartons gestapelt und nun im Museum der Stadt bis 30. Januar 2022 ausgestellt hat. Es ist eine bunte Vielfalt, die sicherlich viele vor allem ältere Besucher in den nächsten Wochen an ihre Jugendzeit erinnern dürfte, an eine Zeit, in der die oft handgemalten, ab 1920 auch serienmäßig gedruckten Türchenkalender noch eine viel größere Bedeutung hatten wie heute, wo Türchen an Adventskalendern auf Handys oder Tablets durch antippen geöffnet werden können und täglich kleine Preise zu gewinnen sind.

Ulla Schmids Sammlung dokumentiert eindrucksvoll die Geschichte, die Entwicklung des Adventskalenders, die nachweislich 1851 begann, als Elise Averdick in ihrem Kinderbuch die Adventszeit in einer Geschichte beschrieb, aus der Eltern ihren Kindern jeden Tag eine neue Passage vorlasen.  Die Besucher dürfen den ersten gedruckten Adventskalender, eine Weihnachtsuhr bewundern, der solche Kalender erst richtig populär machte, bewundern und sie erfahren, dass 1908 ein Weihnachtskalender mit gedruckten Bildern aus dem Land des Christkindes zum Ausschneiden erschien.

Als „Christkindleins Haus“ ging dann der erste gedruckte Türchenkalender in die Geschichte ein, ehe ein düsteres Kapitel aufgeschlagen wurde: „Anfang der 40er-Jahre wurde ein Druckverbot ausgesprochen und zwei Jahre später gaben die Nazis einen Pseudo-Adventskalender mit ideologisch gefärbten Liedern, Bildern und Geschichten heraus, um mit einschlägiger Propaganda schon auf Kinder erzieherisch einzuwirken. Ab den 50er-Jahren gingen Kaledner in unterschiedlichsten Formen und Farben aber wieder in Serie. Es gab Kalender zum Füllen, zum Abreißen, als Strich-, Zieh-, Szenen-, Kompositions-, Rubbel- oder Buchkalender und bald auch die begehbaren Kalender in Schaufenstergröße unter anderem auch in ganzen Straßenvierteln. Und es gab auch – ein aktuelles Beispiel ist laut Ulla Schmid der „Hirtenhaus-Adventskalender in Schopfheim im Jahr 2003 gewesen – Kalender als reale Hausfassade.

Ein Besuch im Museum zu den bekannten Öffnungszeiten lohnt sich auf alle Fälle für alle Generationen. Ältere können ihrem Nachwuchs zeigen, wie es früher einmal gewesen ist, und den älteren Semestern dürften die Herzen aufgehen, wenn sie in Erinnerungen an Zeiten schwelgen können, als der Nikolaus an Türen klopfte und hinterm größten Türchen eines jeden Kalenders Glöckchen ertönten und die Eltern aus dem bis dahin verschlossenen Wohnzimmer verkündeten: „Kommt rein, das Christkind war da.“

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