Aufarbeitung der Vergangenheit: Auch die Schwanenstadt blieb nicht ungeschoren.

Uli Merkle schreibt ein Buch über ein dunkles Geschichtskapitel, von dem auch die Stadt Zell nicht verschont blieb.

Aufarbeitung der NS-Zeit in Zell

Noch in diesem Jahr soll ein Buch über die Zeit des Nationalsozialismus speziell in Zell erscheinen. Dies ist eine Zeitepoche, die für die Schwanenstadt bislang noch nicht dokumentiert ist. Uli Merkle hat sich diesem Thema angenommen. Nachdem er bereits die Geschichte der Zeller Fasnacht in einem Buch ausgiebig beschrieben und einen Wanderführer über Gresgen und seine Umgebung veröffentlicht hat, beschäftigt er sich nun mit diesem weitaus ernsteren und schwierigerem Thema. Hans-Jürgen Hege hat mit dem Autor gesprochen.

Herr Merkle, wie kommt man darauf, ein Buch über die Zeit des Nationalsozialismus in Zell zu schreiben?

Uli Merkle: Das ist verhältnismäßig einfach. Die Zeit des Nationalsozialismus von seinen Anfängen bis zum Kriegsende, sowie die anschließende Besatzungszeit wurde bislang für Zell nicht ausreichend dokumentiert. Viele andere Orte im Landkreis haben sich inzwischen mit der NS-Zeit auseinandergesetzt. Teilweise waren es die Stadtverwaltungen selbst, die dieses – nicht unbedingt angenehme – Thema aufgegriffen haben. Oft geschah dies auch durch Anregungen von Gemeinderatsfraktionen. Inzwischen haben viele Städte und Gemeinden ihre lokale NS-Geschichte aufgearbeitet. Zell gehört bislang nicht dazu. Es wird, aus meiner Sicht, also höchste Zeit, dies zu tun. Der immer mehr erstarkende Rechtsradikalismus, sowie der teilweise unbekümmerte Umgang mit diesem sind weitere Beweggründe für mich. Die Geschichte lässt sich nicht verbiegen und ändern. Aber ich glaube es ist heute unsere Pflicht, uns für Demokratie und Freiheit sowie gegen jede Form von Faschismus und Antisemitismus einzusetzen. Dazu muss man allerdings wissen, was in der dunkelsten Zeit Deutschlands auch im lokalen Umfeld geschah.

Frage: Es gibt inzwischen doch einige Leute, die meinen, dass es nach über 75 Jahren an der Zeit sei, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Was würden sie denen antworten?

Uli Merkle: Das halte es für absolut falsch die Vergangenheit ruhen zu lassen. Die Geschichte ist die kollektive Erfahrung einer ganzen Gesellschaft. Und aus Erfahrung sollte man lernen. Vor allem sollte man daraus lernen, Fehler aus der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Das geht nur, wenn man die Geschichte überhaupt kennt.”

Frage: Das tausendjährige Reich endete bekanntlich 1945. Das ist jetzt 77 Jahre her. Woher haben Sie Ihre Informationen?

Uli Merkle: Zuerst einmal musste ich mich in diese Materie einarbeiten. Der erste Anlauf für mich waren natürlich die hiesigen Tagszeitungen, deren Ausgaben ich ab den 1920-er Jahren durchstöbert habe. Alle lokalen Seiten zwischen 1932 bis 1934 habe ich komplett durchgearbeitet und dabei alle relevanten Informationen eingescannt. Und zwar vor allem deswegen, weil ein Gespür für die Situationen in dieser Zeit bekommen musste. Die sich daraus ergebenden Informationen schufen wertvolle Anhaltspunkte, um in verschiedenen Archiven weiterzuforschen. Bürgermeister Peter Palme beispielsweise hat mir freien Zugang ins Zeller Stadtarchiv gewährt, was allein schon eine wertvolle Hilfe war. Meine Hauptquellen waren allerdings die Staatsarchive in Freiburg und Ludwigsburg, sowie das Generallandesarchiv in Karlsruhe. Auch das „Centre des archives diplomatiques“ im französischen La Courneuve, wo die Akten aus der Besatzungszeit archiviert sind, konnte viele Informationen beisteuern. Selbst mit dem Archiv Yad Vashem in Jerusalem war ich in Kontakt, um Licht in das Dunkel einer aus Zell deportierten Jüdin zu bringen.

Frage: Heißt das, dass auch Zeller Juden deportiert und ins Konzentrationslager gesteckt wurden?

Uli Merkle: Ja. Allerdings wurde dieses Schicksal „nur“ einer jüdischen Zellerin zuteil. Sie hat, Gott sei Dank, dieses Martyrium überlebt. Um ihre Geschichte aber auch wahrheitsgetreu und nachvollziehbar erzählen zu können, benötigte ich über ein Jahr der Recherche. Mit etlichen kirchlichen, auch jüdischen und anderen Institutionen im In- und Ausland war ich im Kontakt. Die Recherchen führten mich bis in die Pyrenäen, wo die besagte Zellerin im Konzentrationslager Gurs inhaftiert war. Der Vollständigkeit halber sei aber erwähnt, dass auch viele andere Zeller unschuldig in Konzentrationslagern oder Zuchthäusern einsaßen. Sie kamen meist als politische Gegner der Nazis in sogenannte „Schutzhaft“ und wurden teilweise erst 1945 durch alliierte Truppen befreit.

Frage: Konnten Sie auch mit Augenzeugen sprechen?

Uli Merkle: Leider kaum. Die Nazi-Zeit ist zu lange her. Ich habe aber schriftliche Aufzeichnungen erhalten, die Zeitzeugen in den Nachkriegsjahren verfasst haben. Einige wenige Zeller konnte ich noch persönlich sprechen. Viele von ihnen konnten sich zumindest an die Besatzungszeit nach 1945 erinnern, die sie als Kinder erlebten. Diese Zeitzeugenberichte habe ich anschließend weitestgehend wieder mit Archivmaterial verifiziert.

Frage: Wie muss man sich den Inhalt Ihrer Dokumentation vorstellen?

Uli Merkle: Es geht mir bei diesem Projekt keinesfalls darum, mit erhobenem Zeigefinger Ereignisse oder Personen aus dieser Zeit anzuprangern. Dies steht mir nicht zu. Ich versuche sachlich zu berichten und Hintergründe zu erläutern. Viel Raum nimmt die soziale und lokalpolitische Situation ein und wie sich diese entwickelt hat. Natürlich geht es auch um die Personen, die lokalpolitisch – als Nazi oder Antifaschist – aktiv waren. Aber das Vereinsleben wird genauso durchleuchtet, wie etwa das schreckliche Thema Euthanasie oder die Arbeitsbedingungen in den Zeller Betrieben. Auch die Zeit der französischen Besatzung konnte ich ausführlich beschreiben.

Frage: Wie weit ist das Buchprojekt gediehen und wann wird es veröffentlicht werden?

Uli Merkle: Die Recherchearbeiten sind abgeschlossen, der Text ist zu 95 Prozent geschrieben. Momentan suche ich noch nach mehr Fotos aus dieser Zeit.  Da würde ich mich freuen, wenn mir der eine oder andere ihrer Leserinnen und Leser noch Fotos zur Verfügung stellen kann. Dann muss der Text redigiert, das Buch gestaltet und schlussendlich gedruckt werden. Mein Ziel ist die Veröffentlichung im 4. Quartal 2022.

Herr Merkle, wir danken für das Gespräch

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