eBikes im kurvenreichen Traumrevier auf Achse

Feuchter Ritt zum MSC Schopfheim

Schönau (hjh). Zum dritten Mal gingen rund 50 E-Biker aus ganz Deutschland und der Schweiz mit ihren ebenso schweren wie wohltuend leisen Maschinen zum „Electric Ride“ auf große Reise ins kleine Wiesental. Zum dritten Mal trafen sie sich im Café Goldmann zum Frühstück. Und zum dritten Mal waren sie Gäste der Energiewerke Schönau (EWS), von wo aus sie einmal mehr auf einer Rundfahrt durchs „kurvenreiche Traumrevier für Vier- und Zweiräder“ im Bergland rund um die Schwarzwaldstadt starteten, um den Bewohnern der lärmgeplagten Dörfer zu zeigen, dass es auch ohne Lärm und ohne stinkende Abgase möglich ist, Spaß an hohen Geschwindigkeiten oder einfach nur Freude an gemächlichen Spritztouren durch sehenswerte Landschaften zu haben. Leider mischte der Wettergott mit. Regenschauer machten die Tour zur Spritztour. Aber den Spaß verderben ließen sich die stolzen Biker auf ihren fliegenden Kisten nicht. Einige bedauerten lediglich, dass sie den Menschen in den Bergdörfern mehr Lärm als üblich zumuten mussten, weil – so Organisator Christian Jog vom Verein „Electrify BW“ bedauernd – „die Abrollgeräusche auf nassen Straßen doch einen gewissen Pegel erreichen.“ Und apropos Krach: Die Anwohner im Schopfheimer Nobelquartier „Altig“ dürften erstmals nicht so richtig mitbekommen haben, dass auf dem angrenzenden Motocross-Gelände des MSC ein Offroad-Training stattfindet. Denn auch das war „rein elektrisch“ und beschäftigte nur die Fahrerinnen und Fahrer selbst, die nach dem Abbiegen von der Dossenbacher Landstraße etwas verschnupft feststellten: „Das ist hier aber ganz schön dreckig!“

Sebastian Sladek, Christian Jog, Michael Wilczynski und “Weltmeister” Remo Klawitter befassten sich mit der Zukunft der Elektrofahrzeuge

Zu dem Zeitpunkt lag die spannende Diskussionsrunde in den Räumen der EWS hinter den Bikern, die Christian Jog unter der Überschrift „Werden Motorräder die Welt retten?“ anberaumt hatte. Gastgeber Sebastian Sladek, Christian Jog, Michael Wilczynski, der zweite Vorsitzende des Bundesverbandes der Motorradfahrer (BVDM) und „Youtuber“ Remo Klawitter, der aktuell einen eBiker-gründet und stolzer Inhaber eines Weltrekords ist, den er mit seinem eBike über eine Strecke von 1113,4 Kilometer innerhalb von 24 Stunden in Berlin aufgestellte diskutierten über die Zukunft der Elektro-Fahrzeuge, des Individualverkehrs und von Hobbies auf Rädern, die nach Meinung von Sebastian Sladek zunehmend auf dem Prüfstand stehen werden. Breiten Raum nahm dabei das Thema Lärmbelästigung ein, das die Bürger nicht nur rund um Schönau, sondern in allen Höhenlagen des Schwarzwaldes auf die Barrikaden treibt. „Schönau“, sagte Sebastian Sladek, „ist nicht ganz so betroffen“, aber er kenne Menschen, die ihre Häuser und Wohnungen in den Sommermonaten verlassen und in ruhigere Gefilde ziehen. Wilczynski konnte das nicht recht nachvollziehen. Er glaubt, dass die Displays, die an einschlägigen Stellen aufgestellt sind, inzwischen Wirkung zeigen. „Es gibt doch etliche Fahrer, die lieber lächelnde Smileys als erboste Gesichter sehen möchten“, sagte er, betonte aber auch, dass diese Displays von den Ortschaften richtig eingestellt werden müssten. Es sei überaus ärgerlich, wenn die Displays Lärm anzeigen, wo gar keiner ist. So sei hie und da festzustellen, dass die Anzeige selbst bei Fahrradfahrern aufleuchtet. Und das schade dann der Sache mehr als es nütze, ärgerte sich der BVDM-Vertreter aus Schwerte. Im Grunde müsse man die Probleme lockerer angehen. Schließlich seien es lediglich drei bis vier Prozent der Zwei- und Vierradfahrer, die „absichtlich“ über die Stränge schlagen, hies es, obwohl Sebastian Sladek nochmals einschränkte: „An schönen Sommertagen ist der Lärm doch gravierend.“ Von manchen Wohnungen aus könne man den Krach durch die ganze Stadt nachverfolgen. Für Moderator Jog tat sich die Frage auf, was dagegen unternommen werden könne. „Sind Straßensperrungen die Lösung“, fragte er in die Runde und bekam zu hören, dass solche Sperrungen nur dann akzeptabel seien, wenn sie nicht nur Motorradfahrer auf eBikes oder auf Maschinen mit Verbrenner-Motoren, sondern alle Verkehrsteilnehmer beträfen. Zum einen würde der ohnehin vorhandene Graben zwischen den einzelnen Gruppen noch tiefer, zum anderen seien sie – so Wilczynski – gar „asozial“, weil Lärm im einen Ort nur auf Kosten zunehmenden Lärms in den Nachbarorten verhindert würde. „Wir dürfen Motorradfahrer nicht auseinanderdividieren, lautete die Erkenntnis der Runde, die im übrigen glaubt, dass sich das Verhältnis der Verkehrsteilnehmer untereinander im Gegensatz zu früher wesentlich verbessert habe. Allerdings bestätigen auch da Ausnahmen die Regel, wie hie und da Aussagen wie „verpiss dich mit deinem Elektroschrott“ zeigen. „Wir haben unterm Strich ein gutes Miteinander“, betonte auch Remo Klawitter, der Aktionen lobte, die auch der BVDM befürwortet: „Gemeinsam mit der Polizei gibt es solche knöllchenfreien Aktionen, nach dem Motto „hört mal zu“ werde gemeinsam Café getrunken und über Schwierigkeiten gesprochen. „Und da“, so Michael Wilczynski, „machts beim einen oder anderen tatsächlich ‚Klick‘ im Kopf.“

Beeindruckt von Matsch und Schlamm: hartgesottene eBiker im Element

Unterm Strich stellte Sebastian Sladek fest: „Wir haben noch einen verdammt langen Weg vor uns.“ Noch lasse die Akzeptanz der Bike-Fahrer untereinander zu wüschen übrig. Nur wenige lassen derzeit noch von Gewohntem ab. „Aber auch wir hatten Anfangs große Problem, Neues durchzusetzen“, erinnerte der Stromrebell an die Anfangszeiten, die seine Eltern mit der alternativen Energieerzeugung durchzustehen hatten. „Wir waren verschrien als Leute, die bei Kerzenlicht stricken wollen“, schmunzelte er. Wir wurden verlacht und bekämpft – und dann habe es auf einmal alle schon immer gewusst, dass das, was wir tun, richtig ist.“ Sein Rat an alle: „Wir müssen mit viel Rücksicht aufeinander zugehen. Wir müssen uns Gedanken machen über den Treibstoff von morgen, überlegen, wofür und wie lange der vorhandene Strom noch reicht. Für alle galt: „Wir müssen daran arbeiten, dass wir als Motorradfahrer akzeptiert werden und uns dabei offen zeigen für alle Technologien. Es wird eines Tages Straßen mit nur einem Auto geben, dass sich alle Nachbarn teilen. Man müsse sich aber darüber im Laren sein, dass Lösungen zum Teil abhängig sind vom persönlichen Umfeld auf dem Land oder in einer großen Stadt. Es wird zunehmend Überlegungen geben, zum Bäcker, zum Kindergarten, zur Schule wie früher zu laufen oder zu fahren. Auch die Politik sei gefordert. Der BVDM beispielsweise hält es für überlegenswert, statt Prämien zu bezahlen für den Kauf von E-Autos (für eBikes gibt es die übrigens nicht), die Anschaffung von elektrisch getriebenen Fahrzeugen für Jugendliche zu fördern, um dieser Klientel den Umstieg auf Elektrofahrzeuge schmackhaft zu machen. Ausgebaut und besser kenntlich gemacht werden muss des E-Säulen-Netz. Nicht zuletzt müsse mehr Toleranz untereinander erreicht werden. Und das erreiche man vor allem dann, wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass es in allen Lagern der Verkehrsteilnehmer „gleichviel Bescheuerte“ gibt. Wichtig aber sei auch, klarzumachen, dass man Spaß mit Motorrädern haben kann, die weder stinken noch lärmen. Und darauf hinzudeuten, dass es jeder Fahrer selbst in der Hand hat, wieviel Lärm er macht. Und man kam zum viel beklatschten Schluss: „Wenn alle verantwortungsvoll fahren, bräuchte man keine Straßensperrungen, keine Geschwindigkeitsbegrenzungen und keine Lärmmessungen