Gedanken eines Kirchgängers der Schweizer Kirchengemeinde

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CORONA – Reflexion

Man spricht von Selbstbeschränkung: Nicht mehr nach draussen, auf die Strasse gehen und körperliche Kontakte meiden.
Ich spreche lieber von «nach Innen gehen»: Tiefe Herzenskontakte pflegen, Menschen schreiben, ihnen zuhören am Telefon und an sie denken…
Man spricht von Isolation: Dem Schutz vor anderen.
Ich spreche von Kon-zentration: Kon (mit-)-Zentrum, also dem Suchen nach meiner Mitte und der daraus erwachsenden Verbundenheit mit allem, was lebt.
Man spricht von Lock Down: dem grossen Zuschliessen von Läden, Kinos und Restaurants.
Ich spreche vom inneren Aufschliessen: für das, was mir im Leben wirklich wesentlich wird.
Man spricht von möglicher Ausgangssperre: dem Zuhause-bleiben-müssen in der Wohnung oder im Haus.
Ich spreche vom Innehalten in der Oase meiner inneren Neuorientierung, dem bewussten Ruhen und Frieden finden in mir und meinem Hause. Ja mein Zuhause kann jetzt mein Kloster oder Retreat-Center werden.
Denn:
Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich keine Gelegenheit mehr für äussere Ablenkungen, Einkaufen, Partys oder Unterhaltung. Diese grosse Stille fordert, ja sie fordert mich und uns alle heraus, aber sie fördert mich auch heraus: heraus aus einem gewohnten Zustand, der, wenn ich ehrlich bin, auch nicht immer so gut war für mich.
Meine Unruhe oder hastiges Unterwegssein ohne immer zu wissen WOHIN. Mein oberflächliches und ab und zu rastloses Suchen, all das wurde jäh gestoppt. Perplex, verängstigt und sorgenvoll empfinde ich mich. Frustriert, etwas verloren und doch tief dankbar für alle guten Seelen, die für uns alle so viel tun. Ja ich empfinde mich in vieler Hinsicht wahrlich unterbrochen…
Jetzt frage ich mich: Was habe ich eigentlich so oft gesucht in meinem routinemässigen Alltagsleben? Aus was heraus habe ich so oft gelebt? Was ist denn überhaupt das Ziel meiner Lebensreise? Wohin und auf was hin möchte ich leben?
Für viele dieser Fragen, die jetzt, so urplötzlich wie aus der Tiefe inmitten dieses Unterbruchs in mein Bewusstsein auftauchen, gibt es noch keine abschliessenden Antworten. Spannend sind sie allemal.
Aber eines weiss ich mittlerweile:
Die Fragen selbst, für die ich jetzt ganz unerwartet Zeit bekommen habe, sie schliessen auf . . . nicht die Türen zu Bars, Kinos oder Läden, aber zu meinem innersten Herzen. Und die sich mir wohl erst langsam erschliessenden Antworten betrachte ich als kostbare, aufschliessende Seelen-Abenteuer, als Weg, der wie in langsamen Kreisen sich behutsam bis zur inneren Mitte hervortastet.
Das Bild, das sich mir gerade eröffnet ist das einer Spinne:
Sie, die am frühen Morgen ihr Netz konzentrisch baut. Aus ihrem eigenen Leib, ihrer Mitte nimmt sie das Material für das Netz, das sie tragen und ernähren wird. Ja sie nimmt sozusagen aus ihrer Substanz und jetzt geht es ja auch bei uns wahrlich an die eigene Substanz. Diese Netz-Substanz gibt ihr nicht nur Halt, nein auch Orientierung für das, was gerade dran ist. An zwei stabilen Ästen verbindend, beginnt sie ihr Netz. Sie sucht also den Halt aus ihrem Inneren in der Verbindung zu etwas Grösserem. Sie macht eine Rückbindung – lateinisch nennt man dies re-ligio. Sie bindet sich an etwas Grösseres. Sie baut sich an den Hauptästen ihre tragende Grundstruktur. Sie sucht also zuerst alles, was sie trägt, was ihr gut tut und was ihr Stabilität gibt.
Daraus baut sie ihre Speichen, die allesamt mittenorientiert sind.